

„Hi, Du siehst gut aus!“ Gelangweilt klicke ich einen grünen Haken in das Kästchen vor dem Profil von Murrat78. Dann bewege ich den Pfeil auf das Feld „Löschen“ und versenke ihn ohne Mitleid im Papierkorb. So wie Murrat auf seinem Foto in die Kamera linst und sich dabei am Ziegenbärtchen zupft, möchte ich dem Geschmack dieses Mannes auf keinen Fall entsprechen.
Es ist Weihnachten. Mir ist langweilig. Und deshalb befinde ich mich auf einer der größten Flirtwebseiten im Internet. Ich kriege elektronische Post und betreibe Männerforschung.
Gespannt öffne ich das nächste blinkende Briefchen:
„Hallo. Ich suche eine liebe Bi-Maus, die mit mir und meinem Mausi auskommt.“
Ich arbeite mich weiter in dem Profil vor. Das verspricht spannend zu werden. Denn ich würde gern genauer wissen, warum der oder das Mausi des Briefeschreibers Bi-Mäuse bevorzugt. Und wer ist überhaupt „sein Mausi“? Ist es das was ich denke? Manche Männer erfinden ja komische Namen für ihren – na ja – Mausi. Schade. Keine näheren Angaben. Ich erfahre aber, dass der, der da an Mausi dranhängt, gern Musik hört. Und manchmal Musik macht. Darauf hätte mich allerdings schon sein überaus klangvoller Mitgliedsname bringen können: DJ Ralli.
Der Mitgliedsname ist auch bei „Diskrete Affaire“ Programm. Sein Persönlichkeitsprofil lässt tief blicken. Für „Diskrete Affaire“ sind die vorzüglichen Eigenschaften einer Traumfrau vor allem Diskretion, Spontanitaet und Tagesfreizeit. Lachen tut er gern über die ganzen Moralisten, die nur zu feige für eine Affaire sind. Erfolg bedeutet für ihn, wenn seine Ausflüge unentdeckt bleiben. Angst hat er vor Impotenz. Ach ja? Interessant. Ich überlege kurz, ob ich ihm einen Meisenpimmel anhexen soll. Manche Frauen können so etwas. Der würde ihm sicher gut stehen ... Ich lasse es dann aber. Stattdessen lösche ich ihn unter Absingen feministischen Liedguts. Das fällt mir nicht leicht. So gesehen bin ich nämlich keine Feministin. Aber Ina Deter sei Dank lässt mein Unterbewußtsein den dazu passenden Refrain spontan in mein Bewußtsein ploppen: "Ich sprüh's auf jede Wand, neue Männer braucht das Land."
Was für die Frauen in den Achtzigern die Wand, ist für die Frauen von heute das Internet. Erschreckend. Ich erkenne: Hier, in diesem Internetforum, habe ich freien Blick auf die Grundstruktur männlichen Denkens und Werbens.
--- Was für eine einmalige Gelegenheit! Auf einmal geht meine humanistische Vorbildung mit mir durch. Und mit der statistischen Akribie einer Studiumsgeschädigten plane ich die Kategorisierung der holden Männlichkeit auf der Grundlage folgender Frage:
Gibt es Unterschiede im Verhalten buhlender Männer oder sind sie, wie seit Jahren behauptet wird, und nun zu widerlegen wäre, doch alle gleich?
Murrat78 und Diskrete Affaire haben nicht die Ehre, in eine der Kategorien aufgenommen zu werden. Sie wabern bereits in den unendlichen Weiten des virtuellen Nirwana. Mögen sie dort finden, was sie verdienen.
Aufgeregt blinken zwei neue Briefchen auf dem Bildschirm. Beide im Abstand von fünf Minuten gesendet. Beide von Colt1000. Ich lese. Und notiere meine erste Kategorie:
-Die Hartnäckigen-
Hier geht es um schnellen Informationsaustausch. Voller Ungeduld. Auf Kosten der Zeichensetzung:
Brief 1: „Hallo bist Du neulich zufällig über mein Profil gestolpert“
Brief 2: „Hi findest Du mich zu alt oder stört Dich das rauchen oder warum schreibst Du nicht zurück“
Wenn ich ihm antwortete, dass mich vor allem der Mangel an Interpunktion stört, würde ich sicher auf Unverständnis stoßen. Zu alt oder Raucher lässt er gelten als Schreibverweigerungsgrund. Ein fehlendes Komma oder ein verschmähtes Fragezeichen zieht er gar nicht erst in Betracht.
Eine neue Nachricht flattert herein. Ich eröffne Kategorie 2.
-Die Hausbackenen-
„Guten Tag, ich bin beeindruckt von Ihrem Profil und würde mich sehr freuen, wenn Sie einmal einen Blick auf mein Profil werfen würden. Bei Gefallen freue ich mich sehr über eine Antwort.
Mit freundlichen Grüßen,
Günther“
Hier stimmt die Zeichensetzung. Aber irgendetwas sagt mir, Günther ist nicht ganz das, was mir vorschwebt.
Vielleicht habe ich beim Nächsten mehr Glück. Ein Klick – und auf meinem Bildschirm steht folgende Frage:
„Möchten sie von punkt punkt punkt kontaktiert werden?“
Ich notiere: Kategorie Nr. 3.
-Die Rationellen-
„Möchten Sie von punkt punkt punkt kontaktiert werden?“ ist eine vom Server generierte Nachricht. Punkt punkt punkt muß nur auf irgendeinen Link klicken und schon flattert die neutrale Bitte um Kontaktaufnahme in mein Postfach. Mit seinem Mitgliedsnamen anstelle von Punkt punkt punkt. Ich kröne das Ganze zum bei weitem einfallslosesten Flirtversuch. Wer diesen Weg wählt, erhält von mir als Auszeichnung das gleiche grüne Häkchen wie Murrat78 und Diskrete Affaire. Allerdings wird der hier fehlende kreative Einsatz durch manche Mitgliedsnamen wieder wett gemacht, zumindest was den Spaßfaktor angeht. Ich gebe zu: Einigen charmanten Anfragen konnte ich mich nur mit größter Anstrengung entziehen: „Möchten sie von Zangengeburt kontaktiert werden?“ Oder von Frauenzuhörer? Stammhirn? Long one? Vielleicht von Schrottpop? Nein? Komisch.
Eine besondere Vorliebe entwickle ich für den Profilbereich 25 Fragen. Hier dürfen sich die Herren offenbaren und ihr Innerstes nach Außen kehren. Die hartgesottene Leserin entdeckt dort wahre Schätze männlicher Erklärwut. Anworten auf die letzten großen Fragen der Menschheit.
Ich notiere. Kategorie 4:
-Die Welterklärer-
Eine der 25 Fragen lautet beispielsweise:
Worüber können Sie lachen?
Und ich lerne:
„Situationskomik... es muss nicht mal als Witz gemeint gewesen sein. Manchmal sind Dinge halt einfach witzig. Irgendetwas dummes passiert und *bam*“
Nie wurde Situationskomik treffender erläutert. Nur noch übertroffen von:
Worüber können sie lachen?
„Über alles was natürlich lustig ist.“
Aha.
Ich bin natürlich belustigt.
Wie wichtig ist Ihnen Geld?
„...Geld gibt eine gewisse Sicherheit, ist jedoch nicht alles im Leben. Leider wird es in unserer Gesellschaft immer wichtiger“
Ich bin erschrecke zutiefst. Welch Botschaft! Kaum auszudenken, wo kämen wir denn hin, wenn das Geld die Herrschaft übernehmen würde? Alle immateriellen Werte würden zu Grunde gehen, vielleicht droht uns sogar eine Krise ...
Meine Lieblingswelterklärung ist diese:
„gerne verrate ich dir in welcher branche ich tätig bin. in der kerntechnik...!?!? ich bzw. meine firma befasst sich mit der durchführung von radioaktivtransporten in ganz europa. halt stopp nicht weiter denken. ES IST NICHT GEFÄHRLICH!!!
dieser job ist absolut ok. wir setzen uns keiner gafahr aus.(ich/wir sind doch nicht blöd).
Liebe Grüße
Sven“
Schlagartig ist mein Vertrauen in die Kernenergie wieder hergstellt. Ein Wunder! Sven sollte Pressesprecher der Castortransporte werden.
Doch nicht jeder Mann versucht sich bei der Beantwortung der 25 Fragen in der Strategie des Beschönigens. Viele handeln treu nach dem Motto: Ehrlich währt am längsten. Und ich eröffne Kategorie Nr. 5:
-Die Grundehrlichen-
Was macht Ihre Traumfrau aus?
„.. SIE ist sanft ... SIE ist klug ... SIE beherrscht die Melodie zwischen Nähe und Distanz .... und hat natürlich Klasse- Möpse.“
Wau.
Worauf sind sie stolz?
„Morgens aus dem Bett zu kommen.“
Wofür würden sie ihr Leben riskieren?
„Schwarzbrot mit Leberwurst.“
Wie würden sie einem Blinden ihr Äußeres beschreiben?
„Muß ich gar nicht. Er nimmt über Stimme und Geruch genug von meinem Äußeren wahr.“
Wie sieht für Sie ein "Traumurlaub" aus?
„weis ich nicht ...war noch nie im Urlaub.!!!“
Sind sie tierlieb?
„Nein.“
Meinen privaten Internet-Oskar in der Kategorie Ehrlichkeit erhält ThomasBerlin:
„Hallo, eine Entschuldigung vorweg: Ich weiß, dass meine Suche schräg ist, und vor allem, dass ich in der Richtung nicht der Einzige bin. Ich will dennoch von Anfang an ehrlich und offen sein. Und kein falsches Interesse heucheln. Ich hoffe, Du nimmst mir diese direkte Art nicht übel! Nun, was mache ich hier? Ich suche eine Frau, die Lust hat, sich ohne Beziehung hin und wieder von mir verwöhnen zu lassen. Ich lecke sehr gerne, und ich kann nicht rational erklären warum. Ich möchte schlicht und ergreifend eine Art Leckdiener sein. Ich erwarte nichts! Und fordere nichts. Und es ist kein Scherz!
Grüße vom PrenzlBerg, ThomasBerlin“
Für heute beende ich besser meine wissenschaftliche Recherche. ThomasBerlin sprengt die Grenzen von Kategorie Nr. 5 – Die Grundehrlichen. Ich eröffne mit ihm Kategorie Nr. 6: Servicekräfte im Alltag. Dann fahre ich den Rechner herunter.
... Ein Leckdiener. Sogar in meiner unmittelbaren Nachbarschaft! Wie spannend. Ich bin sicher, dass Hunderte von Magnums und Cornettos nur auf solch eine Offerte warten. Ich jedoch zähle mich nicht zu der Spezies 'Speiseeise' und widerstehe. Im Gegensatz zu Solero, Nogger oder Capri kann ich auf einen Leckdiener zur Rechtfertigung meiner Existenz verzichten. Ein Speiseeis kann das nicht.